Any Swan

 

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19. November 2016

  

 

Any Swan nominiert von Dietmar Hesse.

 

1. Winter,
2. Entführung,
3. Bierflasche,
4. Job,
5. Botschaft,
6. Pinguin,
7. Eisblumen,
8. Single,
9. Geburtstag,
10. Düfte,
11. Schmerzen,
12. Vollmond,
13. Stalker,
14. Handschellen,
15. Rosen

 

Zitternd saß ich auf dem wackligen Klappbett und starrte aus dem Fenster, durch das der Vollmond schien. Der Winter hatte unzählige Eisblumen darauf gezaubert … der erste schöne Anblick, seit ich in dieser Hölle gefangen war. Ich zog meine Knie an und schlang die Arme darum. Inzwischen hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren. Waren es zwei Wochen oder doch schon drei, seitdem er mich hier gefangen hielt? Die Handschellen verursachten brennende Schmerzen an meinen Gelenken. Wie konnte es nur soweit kommen? Es fing doch alles so schön an. 


„Hey, alles Gute zum Geburtstag, Kate“, rief meine Kollegin Lisa, als sie mich an meinem Schreibtisch überfiel und mich in eine herzliche Umarmung zog. 
„Ich danke dir", sagte ich ehrlich erfreut.
Sie setzte sich auf die Schreibtischkante und ich nahm auf meinem Bürostuhl Platz.
„Und, wie fühlst du dich jetzt so mit dreißig? Muss ich mich auf den Weltuntergang vorbereiten?“, fragte sie glucksend und ich schüttelte grinsend den Kopf.
„Du hast echt einen Knall. Aber vielleicht beantwortest du dir diese Frage nächste Woche einfach selbst.“
„Oh, biiiitte. Erinnere mich doch nicht daran“, stöhnte sie theatralisch, bevor wir beide zu lachen begannen. „So, nun pack aber endlich dein Geschenk aus“, befahl Lisa, nachdem wir uns wieder beruhigt hatten und hielt mir ein hübsch eingewickeltes Päckchen mit roter Schleife vor die Nase. 
„Ich hab doch gesagt, du sollst mir nichts schenken.“
Trotz meiner tadelnden Worte riss ich das Papier ungeduldig auf. 
„Wow, die ist wunderschön.“ Wie ein kleines Kind schüttelte ich die Schneekugel in meiner Hand hin und her bis der kleine Pinguin kaum noch zu erkennen war. 
„Es ist nur eine Kleinigkeit …“
„Über die ich mich wahnsinnig freue. Danke“, sagte ich und umarmte sie ein weiteres Mal. 
Lisa war eine der Wenigen, die von meiner Schwärmerei für die kleinen, watschelnden Vögel wusste. Da diese Leidenschaft so gar nicht zu meinem Job als toughe Reporterin passte, hielt ich sie streng geheim.
Für Lisas Geburtstag, in ein paar Tagen, hatte ich mir ebenfalls etwas Besonderes ausgedacht und bei meiner Mutter in der Parfümerie eine Mitternachtsführung organisiert. Der Laden wäre in dieser Zeit nur für uns geöffnet und Lisa bekäme die Möglichkeit, ihre eigenen Düfte zu kreieren. Diesen Wunsch hegte sie bereits, seit sie ein kleines Mädchen war und nun würde er endlich in Erfüllung gehen.
„Bleibt es bei heute Abend?“, wollte sie wissen, als sich die Tür zu unserem Großraumbüro öffnete und ein riesiger Strauß Rosen zum Vorschein kam. Der junge Mann, der sie trug, hatte große Mühe, die übergroße Vase an den Schreibtischen vorbei zu jonglieren. Völlig außer Atem blieb er vor uns stehen. 
„Sind Sie Kate Smith?“, keuchte er.
„Ja, die bin ich.“
„Dann sind die hier für Sie.“ Lisa rutschte vom Schreibtisch und er stellte die Vase dort ab, wo sie gerade noch gesessen hatte. Anschließend zog er ein Gerät von seinem Gürtel und hielt mir einen Stift hin. „Unterschreiben Sie bitte hier.“
Ich tat, worum er mich bat und Sekunden später war er verschwunden. 
„Die sind ja traumhaft“, staunte Lisa. „Hast du etwa deinem Leben als ewiger Single abgeschworen oder dir einen heimlichen Verehrer zugelegt und ich weiß nichts davon?“
„Als ob ich Zeit für einen Mann hätte“, lachte ich und zog neugierig die Karte heraus, die zwischen den Blumen steckte. 
Mein Herz begann zu rasen und ich rang nach Atem. 
„Nun sag schon, was steht denn drauf?“, hakte Lisa neugierig nach und versuchte mir über die Schulter zu sehen. Ich klappte die Karte eilig zu.
„Nichts ... da steht gar nichts drauf. Sie ist vollkommen leer“, stammelte ich und betete im Stillen, dass sie mir meine Lüge abkaufen würde. 
„Das ist ja merkwürdig. Nicht, dass du jetzt auch so einen verrückten Stalker hast, wie die Promis, über die du schreibst“, witzelte sie und wusste dabei nicht, wie nah sie der Wahrheit eigentlich gekommen war. „Ich habe neulich erst wieder was über die Entführung von Torry Morgan gelesen. Weißt du noch, die Sängerin, die vor laufender Kamera in eine Bierflasche pinkeln wollte. Die hat von ihrem Mörder auch vorher Blumen mit Karten ohne Text bekommen. Ganz schön unheimlich.“
Ich ging auf dieses Thema nicht näher eine und verabschiedete mich hastig von Lisa mit der Ausrede, dass ich einen dringenden Interviewtermin vergessen hätte. 
Im Fahrstuhl öffnete ich erneut die Karte.
„Schon bald bist du Mein“, las ich die aus Zeitungsschnipseln zusammengestellte Botschaft immer und immer wieder. Ein eisiger Schauer nach dem anderen jagte mir über den Rücken und meine Brust schnürte sich zusammen. Das war eindeutig eine Nachricht von „dem Sammler“ und ich schien die Nächste auf seiner Liste zu sein. Der Einzige, den ich jetzt um Hilfe bitten konnte, war mein Ex-Freund - Detective Parker Larson. Der Aufzug kam in der Tiefgarage unseres Bürokomplexes zum Halten und die Türen öffneten sich mit einem Pling. Während ich ausstieg, kramte ich in meiner Handtasche nach meinem Handy. Wo war dieses verdammte Ding nur, wenn man es brauchte? 
„Ha, hab ich dich!“, rief ich triumphierend, als ich es in den Händen hielt. 
„Und ich hab dich“, hörte ich eine raue Stimme, bevor mich ein dumpfer Schlag auf den Hinterkopf traf und ich zu Boden ging.

...

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