21. Mai 2016

Any Swan nominiert von Mila Summers:

 

1. Pringles

2. Rasendünger

3. Wasserspielplatz

4. Neoprenanzug

5. Schiffsschraube

6. Düsentrieb

7. Stallhasen

8. Brücke

9. Autobahn

10. Rutsche

11. Ebbe

12. Süßholz

13. Dammschnitt

14. Radio

15. Lichtblitz

Neubeginn

 

»Sind wir bald da, Mami?«, wollte eine quietschfidele Kinderstimme zum gefühlt tausendsten Mal von mir wissen.

»Ja, mein Schatz. Es ist nicht mehr weit. Möchtest du vielleicht noch ein paar von den Pringles?«

Mir war klar, dass ich sie als Ablenkungsmanöver einsetzte, aber nach sechs Stunden auf der Autobahn fiel mir langsam nichts mehr ein, um meinen Liebling zu beschäftigen.

»Jaaaa!«, kam es prompt, also griff ich in die Tasche auf dem Beifahrersitz. Ich fischte die Packung heraus und reichte sie nach hinten zu Lucas, ohne den Blick von der Straße abzuwenden.

Nach einer Weile sah ich dann doch in den Rückspiegel und beobachtete meinen Sohn, wie er sich genüsslich einen Chip nach dem anderen in seinen Mund schob. Mit einem Lächeln auf den Lippen dachte ich an seine rasante Geburt vor vier Jahren zurück. Lucas kam fast wie ein Lichtblitz in mein Leben, auch wenn die Hebamme ihm dafür mit einem Dammschnitt den Weg etwas erleichtern musste. Aber es stimmte, was einem als werdende Mutter gesagt wird: Die Schmerzen sind in dem Moment vergessen, wenn du dieses winzige Bündel in den Armen hältst. Und nun war er schon so groß. Leider konnte ich dieses Glück nicht mit seinem Vater teilen. Markus war ein Mann, der unglaublich gut Süßholz raspeln konnte. Doch das entpuppte sich als heiße Luft, als ich ihm von meiner Schwangerschaft erzählte. Man muss aber dazu sagen, dass er mir großzügiger Weise angeboten hatte, unsere Beziehung nach der Geburt wiederaufzunehmen. Jedoch nur als Bettgespielin, nicht als Partnerin oder gar Mutter seines Sohnes. Allerdings war ich mir selbst viel zu schade dafür, dieses Angebot anzunehmen und als einer seiner Stallhasen zu enden.

Beim Abschied landete dann auch noch eine Packung Rasendünger an seinem Hinterkopf, weil er mich als frigide Zicke beschimpft hatte. Seitdem hat er sich nie wieder blicken lassen.

 

+++

 

Wir passierten gerade die Brücke zu unserem neuen Zuhause und im Radio lief mein Lieblingslied, da rief Lucas aufgeregt:

»Mama, Mama, sieh mal! Ein Schiff! Das hat bestimmt auch eine Schiffsschraube, so wie Onkel Pauls Boot!«

»Oh ja, wahrscheinlich hat es sogar eine besonders große!«

Mein kleiner Daniel Düsentrieb war schon als Kleinkind von allem was schwimmen konnte, fasziniert.

»Wenn ich groß bin, werde ich auch mal so eins bauen.«

»Aber nur, wenn du mich dann auf eine Tour mitnimmst.«

»MAMI! Ich würde nie ohne dich wegfahren!«

Ich schmunzelte über seine beharrlichen Worte, wusste ich doch ganz sicher, dass er eines Tages vermutlich viel mehr unternehmen würde, als mir lieb war. Bis dahin war allerdings noch eine Menge Zeit. Lucas‘ Augen leuchteten förmlich, als immer mehr Schiffe in sein Blickfeld fielen. Anfangs hatte ich meine Zweifel, ob ich den Schritt als alleinerziehende Mutter wagen sollte, von Köln nach Rügen zu ziehen. Ein Kurzurlaub mit Besichtigung der Kita und meinem möglichen Arbeitsplatz machte mir die Entscheidung schließlich sehr leicht.

+++

Erschöpft aber glücklich, bog ich in die Auffahrt zu unserem kleinen Strandhaus ein. Die ersten drei Monate übernahm die neue Firma die Miete für dieses Schmuckstück und ich konnte es kaum erwarten, alles nach meinen Vorstellungen einzurichten. Zum Glück hatte das Umzugsunternehmen bereits gestern unsere Sachen geliefert, so dass ich nicht noch Kisten schleppen musste. Außer den Kleinigkeiten, die ich noch im Kofferraum hatte.

»Komm, mein Schatz!«, sagte ich und half Lucas aus dem Wagen.

Er hob sein Gesicht und sog tief die Luft ein.

»Das riecht gut hier.«

»Das ist das Meer, weißt du noch?«

Er nickte und wollte mir gerade antworten, als etwas oder besser gesagt jemand seine Aufmerksamkeit erregte. Ein kleines Mädchen mit zwei geflochtenen Zöpfen stand am Gartenzaun und beobachtete uns neugierig.

»Hallo, ich bin Luca und das da ist meine Mama, Anna!«, rief er so laut, dass es auch die Nachbarn fünf Häuser weiter hätten hören können, und zeigte mit dem Finger auf mich.

Manchmal war es Fluch und Segen zugleich, ein Kind zu haben, dem es nicht schwerfiel, auf andere zuzugehen.

»Ich bin Marie und das da, ist mein Papa, Tom.«

Zuerst wusste ich nicht, wen sie meinte, bis auch sie mit dem Finger in eine Richtung zeigte. Es verschlug mir die Sprache, als ich den Mann vom Strand kommen sah. Braun gebrannt perlten die Wassertropfen von seiner nackten Brust und er strich sich durchs dunkle, feuchte Haar. Oh mein Gott. Das musste ein Traum sein! Der untere Teil von ihm steckte in einem Neoprenanzug und er trug ein Surfbrett unter dem Arm. Ein bisschen erinnerte mich die Szene an die Serie Baywatch, wenn die sexy Beachboys durchs Bild liefen. Nur dieser hier war real. Aus Fleisch und Blut, wie ich feststellte, als er zu uns kam und mir über den Zaun die Hand reichte, nachdem er das Brett gegen diesen gelehnt hatte.

»Hey, ich bin Tom.«

Sein Griff war fest und ein warmes Kribbeln fuhr von meiner Hand in meinen Arm hinauf.

»Ich bin Anna Mahler, und das ist Lucas.« Ich strich meinem Sohn übers Haar.

»Schön, Sie kennen zu lernen. Sie müssen die neuen Mieter sein.«

»Richtig, wir sind gerade angekommen.«

Gott, was redete ich denn da? Das war ja wohl offensichtlich. Am liebsten hätte ich mir die Hand gegen die Stirn geschlagen, ließ es aber lieber, um mich nicht zur Idiotin zu machen. Plötzlich zupfte etwas an meinem Rock. Ich sah nach unten zu Lucas, der mich mit seinem Zeigefinger lockte, und beugte mich vor.

»Ich muss ganz dringend mal auf die Toilette.«

Oh je, ich hatte doch noch gar keinen Schlüssel. Hastig sah ich mich nach einer Alternative um.

»Er kann gerne bei uns gehen. Meine Schwester … ähm Ihre Maklerin, hat mir auch die Schlüssel dagelassen, für den Fall, dass Sie schon früher ankommen. Allerdings habe ich sie drinnen. Wie wäre es, wenn Marie ihm zeigt, wo er hinmuss und ich Ihnen in der Zwischenzeit einen Kaffee koche?«

»Geht das wirklich in Ordnung?«

»Natürlich!«

»Danke.«

»Ok, dann wäre das abgemacht.«

Er öffnete ein Tor links von uns und wir folgten ihnen in den Garten. Marie war ein fröhliches Kind und griff sich augenblicklich Lucas‘ Hand.

»Wenn mein Papa und deine Mama was trinken, dann gehen wir auf die Rutsche oder spielen Ebbe und Flut, einverstanden?«, jubelte die Kleine und zog meinen Sohn mit sich.

Die Sonne verfärbte den Himmel bereits in ein leuchtendes Orange, während die Kinder noch immer auf dem Wasserspielplatz spielten und eine Menge Spaß zu haben schienen. Tom hatte sich als sehr angenehmer Gesprächspartner und noch besserer Grillmeister entpuppt. Mir war zwar nicht klar, ob seine Schwester oder das Schicksal seine Finger im Spiel hatten, als sie zwei Alleinerziehende zu Nachbarn machten. Aber was mich anging, hätte der Start in unser neues Leben nicht besser verlaufen können.

 

 

 

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