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24. Dezember 2016

  

 

*** Weihnachtshäppchen ***

 

Ich hatte die Ehre, die Wörter von Marina Dold in eine Geschichte verwandeln zu dürfen und habe mich für eine Fortsetzung zu meiner Challenge-Story vom 21. Mai 2016 rund um Anna und Tom entschieden.

Viel Spaß beim Lesen.

 

1. Zimtsterne,

2. Schneekugel,

3. Duftkerze,

4. Geschenk

5. Schneeflocken

 

„Mamiii, den Weihnachtmann gibt es doch wirklich, oder?“, fragte Lucas zögerlich und sah mich aus seinen großen Kulleraugen an, als ich ihn gerade zudecken wollte. Oh oh, da war sie wieder, diese Zwickmühle, in der man wohl unweigerlich als Mutter oder Vater von Kleinkindern steckte. Einerseits wollte man ihren Glauben an den dickbäuchigen Nordpolbewohner mit dem weißen Rauschebart und einem Sack voller Geschenke nicht zerstören, andererseits würden sie früher oder später die Wahrheit herausfinden. Ich entschied jedoch, dass mein Fünfjähriger noch eine Weile an seinem Glauben festhalten durfte, also antwortete ich im vollen Brustton der Überzeugung: „Natürlich, mein Schatz.“ Ich setzte mich auf die Bettkante neben ihn und strich zärtlich über seinen Kopf.

„Aber … aber Hannes hat heute im Kindergarten gesagt, dass der Weihnachtmann gar nicht echt ist.“

Tränen schimmerten in den Augen meines Kindes und ich verfluchte diesen kleinen Besserwisser innerlich. Mit seinem Seitenscheitel und der Hornbrille sah Hannes wie ein Miniprofessor aus und genauso benahm er sich auch. Doch wer erst einmal das Vergnügen hatte, auf seine Eltern zu treffen, wunderte sich bei dem Jungen über gar nichts mehr.

„Das hat er sicher nicht so gemeint“, versuchte ich Lucas zu beschwichtigen.

„Doch, das hat er. Er hat gesagt, dass mein doofer Wunsch sowieso nicht in Erfüllung gehen kann.“

„Ach mein kleiner Liebling“, sagte ich und küsste zärtlich seine Stirn, „du musst nur ganz fest daran glauben und immer schön brav sein, dann bekommst du auch, was du dir wünschst.“

„Ehrlich?“, er strahlte nun wieder und ich nickte bekräftigend.

„Ganz sicher. Vielleicht war Hannes einfach nicht artig und hat jetzt Angst, dass er dieses Jahr kein Geschenk bekommt.“

„Ja, genau“, kicherte mein Sonnenschein. Dann wurde er wieder ernst. „Können wir morgen bitte einen Wunschzettel malen?“

„Natürlich, aber nun musst du ein bisschen schlafen und morgen Früh machen wir uns gleich an die Arbeit, einverstanden?“ Lucas nickte, dann nahm er seinen in die Jahre gekommenen Teddy und drückte ihn an sich. „Gute Nacht, mein Schatz, träum was Schönes. Ich hab dich lieb …“

„… bis zum Mond und zurück“, sagten wir beide gleichzeitig und ich lächelte. Mit einem letzten Kuss verabschiedete ich mich von ihm und verließ das Kinderzimmer.

 

***

 

Kurze Zeit später hatte ich es mir mit meinem neuen Liebesroman auf dem Sofa gemütlich gemacht. Eine Duftkerze verbreitete das Aroma von ofenfrischen Zimtsternen im Wohnzimmer, während ein wärmendes Feuer im Kamin knisterte und die bunten Lichter des Tannenbaums den Raum erhellten. Ich liebte diese Zeit des Jahres und seit Lucas‘ Geburt war es zu einer kleinen Tradition geworden, den Baum schon am ersten Advent zu schmücken. Je früher ich damit begann, desto länger hatten wir schließlich etwas davon. Nun waren es nur noch knapp zwei Wochen bis Heiligabend. Wie schnell das halbe Jahr seit unserem Umzug von Köln nach Rügen doch vergangen war.

Gerade als ich das dritte Kapitel beendet hatte, klopfte es leise am Fenster. Zuerst dachte ich, es wäre nur der Wind, aber es klopfte ein weiteres Mal. Ich legte das Buch auf den Couchtisch, stand auf und ging über den angrenzenden Flur zur Tür. Es konnte nur eine Person sein, die um diese Zeit Rücksicht nahm und nicht die Klingel benutzte. Mein Herzschlag beschleunigte sich augenblicklich. Das kam in letzter Zeit ziemlich häufig vor, wenn ich einem gewissen Jemand begegnete.

„Hey“, begrüßte ich meinen Nachbarn Tom, nachdem ich die Tür geöffnet hatte. Ich hatte also recht und sofort schlug mein Herz noch einen Takt schneller. „Was machst du denn hier?“

„Hey, Frau Nachbarin. Lucas hat seine Brottasche bei uns im Auto vergessen und ich dachte, ich bringe sie euch schnell rüber.“

Das schiefe Lächeln, mit dem er mich bedachte, als er mir die Tasche hinhielt, ließ meinen Magen flattern. Tom war ebenfalls alleinerziehend und wohnte mit seiner vierjährigen Tochter Marie direkt nebenan. Er war mir von Anfang an sehr sympathisch und da die Kinder die gleiche Kita besuchten, gingen wir nach kurzer Zeit dazu über, uns mit dem Fahrdienst abzuwechseln. Gerade in den letzten zwei Wochen war ich sehr froh darüber, dass ich nicht jeden Tag pünktlich aus dem Büro stürmen musste. Es gab nämlich Kunden, denen erst im Dezember auffiel, dass man ja noch Weihnachtswerbung gebrauchen könnte. Das bedeutete Überstunden für mich und ehrlich gesagt, wäre ich ohne Toms Hilfe aufgeschmissen gewesen.

„Danke, das ist lieb von dir. Morgen hätte doch aber auch noch gereicht.“

Ich nahm ihm Lucas Tasche ab und legte sie auf die kleine Kommode neben der Tür.

„Kein Problem, ich wollte …“, er stockte mitten im Satz, als ich mich zu ihm zurückgedreht hatte. Tom schluckte hart und ich folgte seinem Blick. Oh nein! Der Gürtel meiner Strickjacke hatte sich gelöst. Darunter trug ich lediglich ein dünnes Trägertop, unter dem sich nun sehr deutlich meine Brustwarzen abzeichneten … was nicht allein an der kühlen Luft lag, denn für Dezember war es erstaunlich mild draußen. Eine heiße Röte brannte spürbar auf meinen Wagen.

„Bitte entschuldige, ich war nicht mehr auf Besuch eingestellt“, sagte ich hastig, während ich meine Jacke wieder zuband.

„Anna …“, Toms Stimme klang rau und heißer, aber ich traute mich nicht, ihn anzusehen. Erst, als sich zwei Finger unter mein Kinn legten und es anhoben, schaute ich zu ihm auf. Was ich dann in seinen Augen entdeckte, verschlug mir den Atem. Verlangen, Sehnsucht … und da war noch etwas. Etwas, das ich nicht richtig deuten konnte. Die Luft um uns herum schien zu flirren. Mein Herz schlug so kräftig in meiner Brust, dass mir das Blut in den Ohren rauschte. Zärtlich strich Tom mit seinen Fingerknöcheln über meine Wange.

„Gott, du bist so wunderschön.“

Ich schluckte, als er näherkam. So nah, dass ich die Wärme, durch seine geöffnete Steppjacke spüren konnte. Sein Blick wanderte von meinen Augen zu meinem Mund und wieder zurück. Wie in Zeitlupe bewegten wir uns weiter aufeinander zu. Sein warmer Atem traf meine Haut und im nächsten Moment fühlte ich seine Lippen auf meinen. Die Berührung glich einem sanften Flügelschlag. Einem vorsichtigen Herantasten, ehe er meine Lippen mit seiner Zunge teilte, um mich zu kosten.

„Das wollte ich schon so lange“, raunte er in einer Atempause, ehe wir ein weiteres Mal miteinander verschmolzen. In diesem Moment schien die Welt um uns herum nicht mehr zu existieren. Es gab nur uns beide. Meine Arme hatten sich um seine Taille geschlungen und Tom vergrub eine Hand in meinen Haaren. Dieser Kuss war so intensiv, so leidenschaftlich. Vergleichbares hatte ich noch nie erlebt.

Als wir uns nach einer Weile voneinander lösten, hatte ich das Gefühl, als wäre Gummi in meinen Knien.

„Was ist hier gerade passiert?“, fragte ich leise, weil ich noch immer dachte, dass ich träumen würde.

Tom strich eine Haarsträhne hinter mein Ohr und sah mich liebevoll an.

„Etwas, das definitiv eine Wiederholung wert ist.“ Er küsste mich kurz auf den Mund. „Aber jetzt muss ich leider wieder rüber. Marie schläft zwar schon, aber ich kann sie nicht so lange allein lassen.“

Ich nickte, denn ich verstand genau, was er meinte. Unsere Kinder würden für uns immer an erster Stelle stehen. Plötzlich fiel mir wieder ein, dass er vorhin mitten im Satz abgebrochen hatte.

„Was wolltest du vorhin eigentlich sagen, als du mit einmal so …“, ich suchte nach dem richtigen Wort.

„… abgelenkt wurdest“, half er mir und ich spürte erneut Wärme in meinen Wangen aufsteigen.

„Genau.“

„Eigentlich wollte ich dich fragen, ob wir morgen zusammen Frühstücken wollen.“

„Da würden die Kinder sich sicher freuen“, ich sah zu ihm auf, „und ich mich auch.“

 

***

 

Nachdem Tom nach Hause gegangen war, konnte ich die halbe Nacht nicht schlafen. Immer wieder musste ich an unseren Kuss denken. Und nun saßen wir bei mir in der Küche am Tisch und beobachteten Lucas und Marie beim Malen. Unsere Begrüßung fiel anfangs etwas zurückhaltend aus, was sich aber schnell geändert hatte, als Tom meine Hand unter dem Esstisch in seine nahm.

„Das ist eine Schneekugel“, erklärte Marie den runden Kreis auf ihrem Wunschzettel für den Weihnachtsmann. „Und das“, sagte sie und zeigte nun auf blaue Punkte, die sie um ein grünes Konstrukt aus Strichen in der Mitte gemalt hatte, „das sind die Schneeflocken, die um den Tannenbaum tanzen.“

„Oh, das hast du aber toll gemalt“, lobte ich sie.

„Mein Bild ist jetzt auch fertig und dieses Jahr habe ich nur einen Wunsch“, forderte nun auch Lucas unsere Aufmerksamkeit.

„Na, dann zeig doch mal her.“

Er kletterte mit seinem Kunstwerk in der Hand vom Stuhl und kam um den Tisch herum zu uns gelaufen. Mein kleiner Sonnenschein drängte sich an meine rechte Seite und kuschelte sich mit dem Kopf an mich, ehe er das Bild vor uns hinlegte.

Mein Herz hüpfte in meiner Brust und ich fühlte Tränen aufsteigen.

Lucas hatte vier Menschen gemalt, die sich an den Händen hielten. Zwei Erwachsene und zwei Kinder.

„Das da bist du Mami, das ist Tom und das sind Marie und ich.“ Nacheinander deutete er auf die Figuren. „Ich wünsche mir, dass wir eine richtige Familie werden.“

Erst jetzt wurde mir bewusst, wie nah wir seinem Bild bereits gekommen waren. Wir aßen regelmäßig zusammen, wir sprachen uns ab, wenn es um die Kinder ging, und verbrachten fast unsere gesamte Freizeit miteinander. Und nun war da auch noch ein bisschen mehr. Ich versuchte so ruhig wie möglich zu wirken, scheiterte allerdings kläglich, was ich an dem Aufblitzen in Toms Augen erkennen konnte.

„Wir werden mal sehen, ob wir deinen Wunsch wahr werden lassen können“, antwortete er.

„Au jaaaa, Lucas wird mein Bruder, Lucas wird mein Bruder …“ Marie war aufgesprungen und tanzte durch die Küche. Mit großen Augen sah ich zu ihrem Vater.

„Habe ich was verpasst?“

Er zuckte lediglich mit den Schultern und küsste mich auf die Stirn.

„Das wird sich zeigen.“

 

Frohe Weihnachten!

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