6. August 2016

Any Swan nominiert von Nicole König:

 

1. Malaga

2. Cabrio

3. Basilikum

4. Liebestöter

5. Kameraüberwachung

6. Doppelstockbett

7. Swimmingpool

8. Gedächtnistraining

9. Liebesspiel

10. Mona Lisa

11. Olivenbaum

12. Garage

13. Kacheln

14. Moorhuhn

15. Kreislauf

 

Was hatte mich nur geritten, dass ich mich auf einen Rucksacktrip quer durch Spanien eingelassen hatte? Die Landschaft fernab von den Touristenhochburgen war wunderschön, gar keine Frage. Auch das Naturschutzgebiet nahe Malaga, in dem ich mein erstes Moorhuhn zu Gesicht bekam, war eine absolute Augenweide. Doch leider hatte ich mir beim Abstieg von einem kleinen Berg den Fuß verstaucht und jeder Schritt war eine reine Qual. Allmählich merkte ich, wie die Anstrengung mir zudem auf den Kreislauf schlug.

„Ich kann nicht mehr. Ich brauche eine Pause“, gab ich erschöpft von mir und ließ mich unter einem alten knorrigen Olivenbaum seitlich an der Straße nieder. Eigentlich war es eher ein Schotterweg und wir liefen seit einer gefühlten Ewigkeit hier entlang, ohne einem Wagen begegnet zu sein. Ich lehnte meinen Kopf gegen den Stamm und atmete tief durch. Meine beste Freundin Melissa hockte sich vor mich hin, zog ihren Rucksack vom Rücken und gab mir daraus eine Wasserflasche, die ich dankend annahm.

„Ava …“, sie machte eine kleine Pause und blickte besorgt auf meinen Fuß, „Vielleicht sollte ich alleine vorlaufen, um Hilfe zu holen. Weit kann es jetzt nicht mehr sein.“

Ich nahm einen großen Schluck aus der Flasche und gab sie anschließend Melissa, die ebenfalls ein wenig trank. Langsam spürte ich die Verzweiflung, die meiner Freundin bereits ins Gesicht geschrieben stand, auch in mir aufkeimen und mit jeder Sekunde sehnte ich mich mehr nach unserer Jugendherberge mit dem heruntergekommenen Swimmingpool zurück. Sie verfügte längst nicht über den Komfort, wie man ihn in einem Hotel erwarten würde, denn das Zimmer war eher spartanisch eingerichtet, aber immerhin gab es einen Schrank, ein Doppelstockbett und ein kleines angrenzendes Bad. Zwar waren die braunen Kacheln vermutlich noch aus der Steinzeit, doch es war sauber und wir mussten es uns nicht mit zwanzig anderen Gästen der Herberge teilen, wie es oft üblich war.

„Wenn ich mich noch einen Moment ausruhen kann, wird es schon irgendwie gehen.“ Melissa zog die Brauen hoch. Ein Zeichen, dass sie mir kein Wort glaubte. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, drangen Motorengeräusche aus der Ferne zu uns. Ungläubig sahen wir uns an und meine Freundin sprang euphorisch auf. Sie stellte sich mitten auf die Straße, um dem Fahrer mit wedelnden Armen zu signalisieren, dass er anhalten sollte. Und tatsächlich stoppte ein himmelblaues Cabrio vor ihr. Ein Mann stieg aus und sprach kurz mit Melissa, ehe sie in meine Richtung zeigte. Er nickte und kam mit schnellen Schritten zu mir. „Hallo, mein Name ist Leo. Ihre Freundin meinte, Sie bräuchten Hilfe“, sagte er in fast perfektem Deutsch und hockte sich zu mir.                                                                                     

„Ja. Danke, dass Sie angehalten haben. Ich glaube, mein Knöchel ist verstaucht.“                      

„Ich verstehe. Darf ich?“ Er deutete auf meinen Fuß und ich nickte. Als er ihn leicht bewegte, sog ich scharf die Luft ein. „Entschuldigung.“ Vorsichtig ließ er von mir ab. „Auf den ersten Blick würde ich sagen, er ist tatsächlich nur verstaucht. Aber zur Sicherheit sollte eine Röntgenaufnahme gemacht werden, um eine Fraktur auszuschließen.“                                 

„Sind Sie Arzt?“                                                                                                                           

„Tierarzt“, antwortete er grinsend und entblößte dabei zwei strahlend weiße Zahnreihen. „Oh“, machte ich überrascht. Er sah überhaupt nicht aus wie ein Tierarzt. Eher wie ein Rockstar. Seine Haare waren etwas länger und der Dreitagebart verlieh ihm in Kombination mit der Lederjacke einen verwegenen Touch.                                                                                  

„So in etwa haben auch meine Eltern reagiert, als ich ihnen damals meinen Berufswunsch erzählte.“ Kleine Lachfältchen bildeten sich um seine Augen, dann wurde er wieder ernst. „Kurz hinter dem Olivenhain gibt es wieder Handyempfang. Ich könnte Ihnen ein Taxi rufen, oder …“ Leo sah von mir zu Melissa, „Wenn es für Sie in Ordnung wäre, würde ich Ihre Freundin mitnehmen und sie in meiner Praxis kurz untersuchen. Leider kann ich nur eine von Ihnen mitnehmen, da mein Wagen lediglich über zwei Sitzplätze verfügt.“

 

Melissa hatte mit Engelszungen auf mich eingeredet, dass es für sie in Ordnung sei, auf ein Taxi zu warten. Für sie zählte einzig, dass ich untersucht werden konnte, und da das nächste Krankenhaus zwei Stunden entfernt war, nahm ich das Angebot schließlich an. Mein freundlicher Helfer fuhr mit mir in eine nahegelegene Wohnsiedlung, wo wir vor einem Reiheneckhaus mit angebauter Garage und Dachterrasse über dem Haupteingang zum Stehen kam. Das Haus gefiel mir, einzig die offensichtliche Kameraüberwachung irritierte mich. Leo war bereits ausgestiegen und folgte meinem Blick, als er die Beifahrerseite erreicht hatte.

„Keine Sorge, das ist nur eine Attrappe. Wir hatten vor einer Weile ein kleines Problem mit Einbrechern.“

Bevor ich darauf etwas erwidern konnte, hatte er bereits die Tür geöffnet und mich mit einer geschmeidigen Bewegung auf die Arme gehoben. Das hatte er auch schon getan, um mich in das Auto zu befördern und wieder stieg mir der leichte Geruch von Basilikum in die Nase. Ich hielt mich an seinem Hals fest und der Schmerz in meinem Fuß wurde durch ein wohliges Kribbeln in meinem Körper verdrängt. Ohne mich abzusetzen öffnete er die Haustür und trug mich quer durch einen kleinen Flur, zu dem auch ein Wartebereich für eine Praxis gehörte. An der Wand hing ein Kunstdruck der Mona Lisa und auf einem Sideboard lagen Zeitschriften über Gedächtnistraining, Autos und Gartenbau. Was für eine Mischung! Als Leo mit mir am ausgeschilderten Behandlungsraum vorbeiging, versteifte ich mich leicht.                                        

 „Wo bringst du mich hin?“

„Ins Wohnzimmer“, er sah auf mich hinab, „meine Behandlungstische sind leider nicht für menschliche Patienten ausgerichtet.“                                                                                           

Sofort entspannte ich mich wieder und ließ mich von ihm auf ein bequemes braunes Ledersofa setzen. Er kniete sich vor mir hin und berührte mich sanft an der Wade. Ein elektrisierendes Prickeln breitete sich von dort aus. Sein Blick traf meinen und hielt mich gefangen. Augenblicklich begann mein Herz schneller zu schlagen und wie von selbst blitzen Bilder von ihm und mir beim Liebesspiel in meinem Kopf auf. Mein Mund fühlte sich trocken an und ich befeuchtete meine Lippen.

„Hast du Schmerzen?“

Ich schüttelte den Kopf und biss mir auf die Unterlippe. Zu mehr war ich nicht in der Lage.  Leo legte eine Hand sanft an meine Wange und die Luft um uns herum begann zu vibrieren. Langsam näherte er sich meinem Gesicht, bis ich seinen warmen Atem auf meiner Haut spüren konnte.                                                                                                                                              

„Sag mir bitte, wenn ich zu weit gehe.“                                                                                           

„Das tust du nicht“, wisperte ich. Ich kam ihm ein Stück entgegen und spürte im nächsten Moment seine warmen Lippen auf meinen. In diesem Augenblick war ich Melissa unendlich dankbar, dass sie vor unserer Abreise sämtliche Liebestöter aus meinem Gepäck verbannt hatte …

 

 

 

 

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